Der Dornenweg

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Inhaltsverzeichnis

Der Dornenweg

Ein Auszug aus Dorns Vergangenheit:

Geboren in der kleinen Baronie Donnerfurt, wurde Dorn recht schnell klar gemacht, was man von ihm erwartete. Sein Vater war der Meinung, dass sein erster (legitimer) Sohn und Stammhalter alles wissen und lernen müsste, was man brauchte, um über eine der Grenzprovinzen Tethyrs zu herrschen. Das waren zu aller erst Verantwortung übernehmen, lernen ein Schwert zu halten, und Disziplin zu waren. Es wurde gar ein Priester Siamorphes in die kleine Baronie geholt, um den Jungen zu lehren. So hatte er eine strenge, harte, aber auch recht gute Kindheit, und war sich sicher, dass er ein guter Baron und Ritter sein würde. Auch seine Knappenzeit, die er natürlich fern der heimischen Baronie absolvierte, änderte nichts daran, und er wuchs zu einem stattlichen Burschen heran, der bereit war, für seine Leute und sein Volk zu kämpfen. Und tatsächlich kam es so, dass er dies tun musste.

Ein Bürgerkrieg brach aus, ein Krieg, der die falschen Tyrannen vom Thron Tethyrs stoßen sollte. Dorn stellte sich, zusammen mit seinem Vater, gegen den alteingesessenen Lehnsherren und Tyrannen, und fochte viele Schlachten. Dort war es, wo er Kameradschaft wirklich zu schätzen lernte. Männer und Frauen, die gemeinsam um ihr leben, und für ihre Freiheit kämpften. Der Krieg hat ihm viel gezeigt... viel, was er nicht sehen wollte, unter anderem. So hat das Verhalten seines Vaters, seines großen Vorbildes, sich als recht enttäuschend heraus gestellt, als er eine Einheit Bauern geopfert hat, um heil davon zu kommen. In diesem Krieg sah er, wie die Ideale Siamorphes in den Dreck getreten wurden, wie sie für Nichtig erklärt wurden, nur für das eigene Wohl entschieden wurde. Und dies sogar auf der Seite der Rebellen, die gegen die nur noch größeren Tyrannen kämpften. Enttäuscht wand er sich ab von Siamorphe, und suchte sein Heil in der Schlacht... dem Kampf.

Als der Krieg gewonnen war, stand fest, dass sich einiges ändern sollte. Doch bevor Dorn diese Änderungen irgendwie in Angriff nehmen konnte, war es sein Vater, der eine Veränderung forderte. Er schickte seinen Sprössling los, dass er sich "die Hörner abstoßen" sollte. Er sollte in die Welt ziehen, ein Abenteurer werden, und lernen. Ein Protest war nutzlos, es war entschieden, und so sollte es geschehen. Dorn packte seine Sachen, und ging, deutlich erbost über die Entscheidung seines Vaters.

Das Leben als Abenteurer erwies sich als schwierig, aber durchaus geeignet für Dorn. Recht schnell fanden sich Aufträge, Gruppen, Aufgaben für ihn. Auch focht er das ein oder andere Duell aus, um seine eigene Ehre, oder die Ehre einer Frau, wie er es in seiner Knappenzeit gelernt hatte. Unter anderem war dort ein ein Tempuspriester, der sich selbst für den besten Kämpfer aller Zeiten hielt, und Dorn beleidigte. Dorn tötete den Priester in einem Duell, und als der Mann ihn auch noch verfluchte in den letzten Atemzügen, beschloss Dorn, dass Tempus wohl auch eher nicht sonderlich geeignet war als Schutzpatron. Stattdessen wand er sich jemand anderen zu, dem Meister aller Waffen.

So führte ihn sein Weg irgendwann an die Küste, wo er den Auftrag an nahm, Piraten zu jagen auf einem Schiff. Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm, und so wurden aus den Jägern die Gejagten, als eine Horde Kultisten auf der Suche nach Opfern an sein Schiff geriet, und es überwältigte. Man nahm viele Gefangene... und Dorn war einer von ihnen.


Der Fall

Er war gefangen, gefangen in seiner Zelle. Wie immer war das Wasser trübe, und irgendwelche Dinge schwammen darin herum... lebende Dinge. Es war ekelerregend. Der junge Adelige würgte, wie er es immer tat, aber er musste trinken, musste Wasser zu sich nehmen, weil er sonst verdursten würde. Dieser Ort war die Hölle. Er musste gestorben sein, und im Abgrund gelandet sein, wegen seines Lebens.

Jeden Tag holten sie ihn, diese Leute in Purpur, jeden Tag folterten sie ihn. Tiere, die ihm bei lebendigen Leibe begannen zu fressen, glühendes Eisen wurde ihm in den Leib gerammt, und andere, unvorstellbare Dinge, die besser nicht ausgesprochen werden sollten. Und doch war jedes mal ein Priester da, der ihn heilen sollte... und die Wunden schlossen sich erneut. Er wusste nicht, wie lange sie ihn hier behalten hatten bisher... er wusste nur, dass sie wollten, dass er sich freiwillig selbst ihrem Götzen opferte. Zunächst hatte er sie ausgelacht, doch so langsam hatte er Zweifel... sie würden ihn foltern, immer wieder, bis er es tat... und sein Wille war fast gebrochen. Nichts hielt ihn mehr in diesem Leben, außer der Trotz, dass er nicht so enden wollte. Er wollte immer sterben mit der Klinge in der Hand, dem Streitkolben in der anderen, und die Massen der erschlagenen Feinde um ihn herum. Doch dies war vorbei. Es würde nicht geschehen. Er wusste es genau. Er war hier gefangen, gefangen, weil er sich auf dem falschen Schiff zur falschen Zeit befunden hatte. Und dafür musste er leiden. Sein Wille war gebrochen... erbärmlich schwach rief er aus.

"Ich bin bereit, es zu tun... ich will es beenden... lasst es mich beenden... ich will es tun..."

Er schämte sich für diese Schwäche... schämte sich, dass er so feige war, sein Leben selbst ein Ende zu zuführen. Er war schwach, und feige, und dreckig und erbärmlich. Und er war am Ende... er wollte, dass es aufhört.

Die Zellentür wurde geöffnet... wie er dieses Geräusch hasste. Der Hautmembran, überzogen von ekeligem Schleim, welcher in der Lage war, die Hände, die dagegen schlugen zu zersetzen... dieses ekelige Geräusch, wie es sich zurückzog, zusammen zog zu einem Faltenreichen Stück... Ding, und wie der Schleim zu Boden tropfte dabei, weil mehr darauf war, als der Lappen in zusammengefaltetem Zustand vertragen konnte. Anfangs hatte der junge Mann versucht dieses Ding zu zerreißen, kurz nach dem schließen, nachdem er festgestellt hatte, wie unangenehm dieses Zeug für seine Hände war. Kurz nach dem Schließen, wenn nur wenig von diesem... ekelhaft stinkenden Zeug dort war. Doch der Lappen gab einfach nach. Er dehnte sich, mit einem ekelerregendem Gefühl. Und es brannte, es brannte dennoch auf der Haut. Ja, er hatte fast den Verstand verloren dort unten, und oft hatte er das wenige Essen, welches er bekam, würgend wieder verloren. Er hatte gedacht, dass er seinen ekel vor allem abgelegt hatte, nach dem Krieg, wo er sich von wirklich schlechtem Fraß ernährt hatte, Blut und Innereien öfter gesehen hatte, als ihm lieb war, doch diese Zelle, diese Foltern, mitten auf den Insel, nein, darunter.. es übertraf den Krieg um Längen.

Die Türe öffnete sich, und zwei der Kultisten.. (oder waren es doch Dämonen aus dem Abgrund...?) packten ihn und zerrten ihn heraus. Er wurde in ein anderes Zimmer gebracht, Schleim lief an den Wänden herab, doch es war sauber. Sie wuschen ihn, gaben ihn eine Kutte aus Seide, purpurfarbend, wie die ihren, doch simpler, ohne Verzierungen. Er durfte sich rasieren. Ein letztes Stück Anstand bewahren. Dann wurde er weitergeführt. Erst dachte er, dass sie ihn wieder in die Folterkammer brachten, doch diesmal ging es weiter... weiter nach unten. Sie betraten die Kammer... sie war voll mit den Kultisten. Männer und Frauen, Alte und Kinder, alle waren sie dort, alle wollten sehen, wie der Adelsspross sich selbst das Leben nahm, das Leben ihrem Götzen offerierte. Einen kurzen Augenblick regte sich sein Trotz, sein Widerstand... doch er brach noch im selben Augenblick, wo er den Opferaltar sah.

Die Kammer war Knöchel tief mit Schleim bedeckt... kleine Strudel aus unterschiedlichen Farben waren zu erkennen, purpur, gelb, schwarz, ocker, grün, blau, rosa, weiß, rot... sie alle gingen ineinander über. Gallertwürfel bewegten sich unter den Gläubigen, die Wände tropften von Flüssigkeiten, die niemand näher definieren wollte. Es war schwül warm in der Kammer, im Gegensatz zu den kühlen Räumen, in denen er festgehalten und so lange gefoltert wurde. Er sah einen Teil einer Architektur, die nicht hätte sein sollen, und alleine darauf zu sehen, bereitete ihm Kopfschmerzen. Er sah parallele Säulen, die aneinander gelehnt waren, Kreisbögen, die mehr als 360° beschrieben, und einige Kanten zu haben schienen, und die Verzierungen, unter dem Schleim, schienen sich zu bewegen... er würgte... und erbracht sein letztes Mal erneut, so dass es sich mit dem Schleim auf dem Boden vermischte.

Doch keine Ruhe, keine Pause, keine Zurückhaltung wurde ihm gegönnt, als er vor den Altar geschleift wurde. Müde und erschöpft ging er auf die Knie, und seine Unterschenkel verschwanden in der bunten, übel riechenden Schmocke, welche auf seiner Haut brannte, während sie, wie von einer fremden Intelligenz getrieben unter die Robe kroch, seine Beine hoch, als ob sie ihn völlig bedecken wollte unter der Robe. Die Hohepriester traten neben ihn, und eine der Säulen erwachte zum Leben. Es war ein Seiler, dämonisch verzerrt. Viele dieser Kreaturen hatten sie hier unten, oft schon hatte er die beinahe zärtliche, schmerzvolle und kraftraubende Berührung ihrer Tentakeln gespürt, wie sie unaussprechliche Qualen und Foltern an seinem Körper... nein, daran dachte er in diesem Moment nicht, sein Ziel war kurz vor seinen Augen.

Die Hohepriester sprachen ihre Gebete, und man reichte ihm einen Pokal mit einer Flüssigkeit... Gift, tödlich und rasch wirkend, da war er sich sicher. Mit letzter Kraft nahm er den Kelch an sich, während die Gebete der Priester und der Gläubigen sich in eine Kakophonie aus Dutzenden Stimmen vereinigten, wie ein Rauschen in seinen Kopf eindrang, und er doch nichts verstehen konnte von dem, was sie sagten. Er sah noch kurz in die Menge, blieb an dem Kindlichen Gesicht eines kleines Mädchens hängen, welches ihn gierig und hasserfüllt ansah... Yas, wie er heute wusste... dann gab er sich dem Ritual hin, und trank den Pokal leer, in der Hoffnung, dass es nun vorbei war, und er zu diesem Götzen fahren konnte... denn selbst Garagos konnte ihn nun nicht mehr retten.

Das Gift brannte in seiner Kehle, ätzte fast wie Säure. Er hatte geglaubt, es wäre ein Gift, was seinen Todeskampf kurz und Schmerzlos machen würde, ein Gift, was er trank, und es dann schwarz um ihn wurde. Was für ein junger Narr er doch gewesen war. Er sah in die Augen des Steinernen Seilers, mit seiner dämonisch verzogenen Fratze, dem breitem Grinsen aus Nadelspitzen Zähnen, Reihe um Reihe. Die Tentakeln peitschten wild umher, vor Erwartung erregt, während der Schleim auf seiner Haut zitterte und vibrierte. Er kämpfte die Übelkeit nieder, während das brennen sich in seinem Brustkorb und seinem Bauch ausbreitete. Es sollte alles vorbei sein... schnell und schmerzlos. Doch es war nur eine Lüge, eine Lüge mehr, die sie und er selbst geschrieben hatten, geschworen vor dem neuen Gott, dem er seine Seele geschenkt hatte.

Er gehörte ihm, seine Seele gehörte ihm, sein Körper gehörte ihm, sein Leben gehörte ihm... doch tief in ihm, tief in Dorns Bewusstsein, breitete sich erneut der Trotz aus. Nein, er wollte nicht sterben. Eher würde er hunderte anderer Leben auslöschen, als sich freiwliig dem Tode hinzugeben. Hatte er noch vor wenigen Minuten anders gedacht, war dieser Gedanke fort gewischt, vernichtet, zu Staub zerfallen. Was interessierte ihm sein Gewäsch von vorhin... er wollte Leben... Leben und Leben nehmen, wenn es sein musste, auch in Seinem Namen.

Er kämpfte, er kämpfte gegen das Gift an, gegen die Schwäche, sie sich ausbreitete in seinem Körper, gegen die Schmerzen, die sich in seine Gliedmaßen vorkämpften, gegen die Dutzenden Stimmen in seinem Kopf, die ihn aufforderten, endlich zu sterben, das Opfer anzunehmen... Doch er würde nicht aufgeben, jetzt nicht mehr. Der Adelige schrie seinen Schmerz, seinen Frust, seinen Hass, seinen Zorn und seine Angst hinaus, schrie Seinen Namen.

Und etwas geschah... er spürte, wie er den Kampf gegen das Gift gewann, wie er die Kontrolle über seinen Körper zurück erhielt, auch wenn der Schmerz blieb... er sah einen Kreis über dem Altar entstehen, wie ein Portal in die Abgrund... und er sah ein Auge ihn anstarren... Lange Zeit wusste er nicht mehr, was damals geschah, doch Jahre später konnte er sich wieder daran erinnern... obwohl er es nicht wollte. Denn dies war der Augenblick, als Dorn von Donnerfurt starb... und dies war der Moment, wo Dorn von Donnerfurt neu geschaffen wurde. Der Moment, wo er schreiend in den Schleim fiel, und er sich über ihm schloss.

Der Pakt

"Du wirst meine Tochter heiraten und sie beschützen und sie zur Baronin von deinem kleinen... Wasausimmer... machen. Und zusammen werdet ihr _seinen_ Glauben dort verbreiten. Hast du das verstanden?"

Dorns Augen weiteten sich. Er hatte frische, saubere Sachen bekommen, wirklich genießbares Essen, Quellwasser und Rum. Und dennoch war er noch immer ein Gefangener, wenngleich auch ein Gefangener, dem man etwas Respekt entgegen brachte. Nicht jeder tat dies. Aber manche. Diese Frau tat es nicht. Für diese Frau war er nicht mehr als Dreck. Er wurde als Opfer nicht akzeptiert, und stattdessen als Diener gedacht. Vor einigen Monaten (oder waren es Jahre?) wäre er darüber wütend gewesen, hätte geschäumt und getobt, und es sich nicht gefallen lassen. Heute war er nur... Dankbar.

"Aber sie ist doch noch ein Kind...?"

Entfuhr es ihm. Oh, er hatte wenig Skrupel in vielerlei Hinsicht... aber es gab Dinge, die selbst ihn anekelten.

"Das weiß ich selbst, kleiner Adeliger."

Ihre Fingernägel gruben sich in seine Wangen, tief und schmerzvoll. Doch im Vergleich zu den letzten Wochen (oder waren es Jahre?) war es angenehm und zärtlich.

"Glaube nicht, dass du meine Tochter vor ihrer Zeit bekommen wirst. Ich werde sie nicht an dich verkaufen. Vergesse nicht, wer hier Herr und wer Diener ist."

Der Druck verschwand, der Schmerz verschwand... und Dorn wusste nicht, was er davon halten sollte. Das kleine Gör würde ihm eher gegen das Schienbein treten, als eine Ehefrau für ihn zu sein. Sie war... der Abschaum, der hier lebte. Eine verdammte Piratenbraut. Aber die Alternative war der Tod. So schlimm würde die kleine Yas sicher nicht sein. Yas von Donnerfurt... klang nicht schlecht.



Vorwärts! Ins Nichts!

Der Himmel spie den Regen hinab auf die Erde und das Meer, als Dorns Schiff wieder anlegte. Einen Moment lang fürchtete er sich davor, die Insel zu betreten. Zu lange war er ein Gefangener dort gewesen. Dies war seine erste Fahrt fort von der Insel gewesen. Eine Fahrt unter dem Deckmantel der Piraterie, um neue Opfer heran zu holen. Eine Horde von zwanzig Opfer hatten sie gefangen. Opfer, wie Dorn es einst war. Doch das, was an ihm nagte, war nicht das schlechte Gewissen... es war einzig und alleine die Furcht davor, wieder gefangen zu sein in den tiefen des Berges. Doch er überwand die Furcht mit seinem Willen, und betrat den öligen Sand. Der Geruch von Säure stieg ihm recht schnell in die Nase. Die letzten zwei Jahre war es ihm kaum aufgefallen, eigentlich gar nicht, so sehr war er daran gewohnt gewesen... doch nun, nach dem halben Monat auf See, bei der wohl frischsten Luft die es gab, schlug ihm der Geruch mit aller Macht in die Nase. An seiner Seite hing der Kriegshammer, dem man ihm gegeben hatte, die erwählte Waffe seines neuen Herren. Oder besser das Sinnbild dessen, denn einen Tentakel wollte er nun nicht bekommen.

Die Gefangenen wurden in den Berg hinein getrieben... hinab ins Dunkel, immer tiefer und tiefer, mit Dorn an der Spitze. Die Wände schienen mit jedem Schritt dunkler zu werden. Dunkler und... fremdartiger. Dann begannen die Schriftzeichen. Dorn schauderte, als er sie sah. Es gab keinen Grund dazu, keinen rationalen. Doch diese Zeichen, diese Worte, schienen ihm zu fremdartig. Nicht von Menschen, nicht für Menschen gedacht. Und doch benutzten sie diese. Die Mitglieder des Kultes. Die Priester und Priesterinnen. Und auch Yas, seine zukünftige Frau... ein Mädchen von gerade einmal zwölf Jahren... auch sie kannte diese Zeichen, und diese Sprache. Sie war aufsässig, gehässig, und absolut unzufrieden mit der Entscheidung ihrer Mutter... doch es an ihr, der Hohepriesterin auszulassen, kam ihr nicht in Frage... nein, dazu musste Dorn hinhalten. Darum hielt er sich fern von der kleinen Zicke.

Wieder unten wurde der Boden öliger, schleimiger... fast, als würden die Wände etwas aus schwitzen. Der Geruch von Säure wurde immer beißender. Der Gang selbst wirkte gröber behauen... und interessanterweise von Unten nach oben, nicht andersherum... ein Fakt, den Dorn schon des öfteren mit Beunruhigung zur Kenntnis genommen hatte. Doch bald war davon nichts mehr zu erkennen, als die Wände vollkommen von einem Schleimigen Zeug überzogen war. Hier unten lagen die Zellen der Opferlämmer, der Menschen, die sie gefangen hatten. Er hatte fast zwei Jahre gebraucht, um sich daran zu gewöhnen... und an das Geräusch des Öffnen der Türen war er noch immer nicht gewohnt. Doch konnte er den Würgereiz unterdrücken.

Die Gefangenen wurden in die Zellen gesteckt, wo sie auf die Folter warten durften. Doch dann trat eine Gestalt auf ihn zu. Purpurne Robe. Ein Hohepriester. Dorn schauderte. Der Mann streckte die Hand nach Dorns Schulter aus, berührte ihn dort... und dafür streckte sich seine Hand und sein Unterarm um einen halben Meter. Die schleimigen Finger schlossen sich mit einer Kraft um seine Schulter, mit der er nicht gerechnet hatte. Er spürte sofort die Klammheit durch seine Kleidung dringen, das klebrige Etwas, aus dem der Mann zu bestehen schien. Er wusste nicht, wie es passieren konnte, aber er wusste, dass viele dieser Leute hier nicht vollkommen Menschlich waren... dass viele sich vermehrt hatten mit unaussprechlichen Kreaturen. Und diese Kreaturen ihn besucht hatten, in seinen Träumen, und in den Monaten der Folter. Dunkel erinnerte er sich an das schmatzende Ger4äusch, als dieses Ding, was vielleicht eine Frau darstellen sollte, auf ihm saß und... Der Schmerz in seiner Schulter riss ihn zurück in die Wirklichkeit. Der Priester wollte etwas von ihm.

"Du wirrzt der Opferruhng teilhaben. Du wirrzt einez der Opferr in den Altarraum bringen."

Keine Widerrede. Der Ekel und die Angst ergriff ihn. Er beeilte sich, einen der Gefangenen bereit zu machen, und ihn in den Altarraum zu bringen... den Ort, an dem er beinahe gestorben war. Oder war er damals gestorben...? War er noch der selbe? Er wusste es nicht. Er watete mit dem Opfer, welches nur schrie und kreischte, zappelte und weinte, durch den Schleim. Düster erhob sich der Choral der Gläubigen.. ein Choral, den er niemals vergessen sollte in seinem Leben.

"Ia! Ia Numruthloth llchtunga chtklik ya Iä! Ia num ya Ghaunadaaahr!"

Dorn war wie betäubt, als diese unmenschlichen, uralten Laute sich tief in sein Hirn brannten. Unfähig sich zu rühren, war er erneut Zeuge, wie der purpurne Nebel sich über dem Altar bildete. Anders als die Male davor und die Male danach, blieb diese Vision klar wie ein Morgen auf Hoher See, unnatürlich, wenn man bedenkt, dass er sich in einer Höhle weit unter der Erde, vielleicht gar weit unter dem Meer befand, umgeben von Schleimen, vor einem gewaltigen, dämonischen Seiler, dessen Tentakeln wie ihm Wahn zuckten und tanzten, Knöcheltief in etwas stehend, was übrig geblieben ist von Jahrhundertelangen Opfern und morden an einen finsteren Gott der Unterwelt, übrig geblieben, nachdem die Schleime sich ihren Teil nahm, übrig geblieben, nachdem das blasphemische und bösartige Ding sich seinen Teil genommen hatte. Das Ding, welches lauert... das ältere Auge.

Der purpurne Nebel waberte und wallte... und es öffnete sich ein Auge aus reinem Gold, wunderbar und schrecklich zugleich. Die Aufmerksamkeit eines Wesens, dessen Verstand zugleich so weit über dem eines Normalsterblichen lag, und zugleich vom Wahn und Bösartigkeit so zerfressen war, dass es keinen klaren Gedanken ausdrücken konnte. Das Auge öffnete sich, und Dorn spürte, dass er in Flammen aufging, in orange-roten Flammen, die ihn einhüllten wie eine Tuch, was man über eine Leiche legte... oder wie ein Mantel, den man dem König über warf.

Denn sie zehrten nicht an ihm, brannten nicht seine Haut und nicht seine Seele. Das Ältere Auge, Wahnsinnig wie es war, hatte heute mit Wohlwollen auf ihn herab geschaut. Das Feuer wurde tief rot, verdunkelte sich immer mehr, nam die Farbe von dunklem Purpur an... und wurde schwarz und verschwand. Dorn fühlte die Unheilige Macht ihn erfüllen, fühlte eine Macht und Kraft, die ihm fremd war... und zugleich diese fremdartige, unheilige Präsenz in seinem eigenem Körper, die sich anfühlte, als gehörte sie nicht dort hin, als wäre es ein Fremdkörper... und zugleich, als wäre er nun nicht mehr erwünscht in seinem eigenen Körper. In seinem Inneren wollte er schreien, wollte wahnsinnig werden und all dies einfach vergessen, und nie wieder darüber nachdenken, über all das, was er gesehen hatte, was er gehört hatte, was er gespürt hatte. Stattdessen sprach er nur vier Worte.

"Ia num ya Ghaunadaaahr!"

Er war nun ein Teil des ganzen. Er war nun ein Diener dessen, was nicht sein sollte.



Piratenpack, Opferpack

Der junge Bursche hatte Mut, das musste man ihm lassen... überschwänglich hieb er mit dem Langschwert nach dem älteren Kämpen, mit einer Kraft der Verzweiflung. Und Verzweiflung war es, die in seinen Augen geschrieben war. Er war ein passabler Schwertkämpfer, hatte sich lange geübt auf den Schiffen und in den Häfen Nelanthers. Hatte getötet. Ja, das konnte man in seinen Augen sehen. Er hatte schon getötet.

Weil es um sein Leben ging. Weil es um das Leben seiner Freunde ging. Weil es um Gold ging. Weil jemand nicht seine Halskette hergeben wollte. Weil er am verhungern war.

Dennoch war der Junge verzweifelt... verzweifelt wegen dem, was ihm bevorstand. Dorn von Donnerfurt hielt sein Schild in die Schlagbahn des Mannes, immer wieder und wieder kreischte Metall auf Metall... Und Dorn wurde nicht müde, die Schläge zu parieren, hielt sich aber zurück mit seinem Hammer dem Mann den Schädel zu zertrümmern. Auch Dorn sah man an, dass er schon getötet hatte. Doch Dorn hatte aus anderen Gründen getötet als der junge Mann. Das, was er hier tat, tat er aus zwei Gründen. Blutdurst. Und für seinen Herren. Den Herr der Schleime. Ghaunadaur. Mit einem bösen Grinsen dachte er darüber nach, wie all dies begonnen hatte...


Er war in diese Hafenstadt gekommen, mit einem der Piratenschiffe, welchen dem Kult gehörten. Sie brauchten Wasser, und neue Vorräte. Ausserdem wollten die Matrosen ihr Gold verhuren und versaufen, wie es nun einmal so üblich war. Grundlegend hatte Dorn nichts gegen diese Dinge. Er trank wie ein Seeteufel, und die Verkündung der Verlobung mit dem kleinen Dämon, einem Mädchen, welches ja nicht einmal Brüste hatte, trug nicht gerade dazu bei, einem erzwungenen Eheversprechen treu zu bleiben. Immerhin, Yas Eltern waren eher froh, dass er beschäftigt war, und die Matrosen hatten ihre Witze recht schnell eingestellt, nachdem Dorn seinen Standpunkt recht eindeutig klar gemacht hatte. Der Schiffszimmermann war nun nicht erfreut über das gebrochene Holz, aber ein Mann musste seinen Weg gehen.

Wie dem auch sei, normalerweise hätte Dorn sich den Matrosen angeschlossen, war ein Monat ohne Beute auf See doch frustrierend genug... doch hatte er vollkommen andere Sorgen. Sein Herr, sein aufgezwungener Herr, dem er sich freiwillig hingegeben hatte, dem er nun dienen musste... oder wollte? Es war schwer zu unterscheiden, und es machte ihm Kopfweh, wenn er darüber nachdachte. Doch eines stand fest: Seine Kopfschmerzen würden ins unendliche steigen, wenn er nicht tat, was das Ältere Auge wollte. Und es wollte Opfer.

Wochenlang hatte er das lauernde Ding in seinem Kopf mit Opferungen von Nahrung zufriedengestellt, sehr zum Unmut der Matrosen, bis ihnen die Nahrung ausging. Gerne hätte er einfach einen der Matrosen "überredet", oder vielleicht auch nur den Schiffsjungen... den kleinen Jungen, der gar nicht richtig verstand, welcher Bösartigkeit er da beiwohnt. Doch eine Meuterei unter den Matrosen wäre.. ungünstig gewesen. Ihre Treue zum Kult war nicht unerschütterlich, und Dorn wollte ungern irgendwann tot erwachen...

Er zog die Oberlippe hoch, entblößte seine Zähne zu einem fiesen Grinsen. Tot erwachen. Was für ein Schwachsinn. Dorn beschloss, sich ein paar junge Narren zu suchen, mit ihnen zu trinken, und dann das tun, was das Ding in seinem Kopf wollte... mit etwas Glück war es schnell genug vorbei, dass er doch noch verspätet ins Hurenhaus konnte. Schnell und Schmerzlos, ohne große Zeremonie. Nun galt es nur noch, ein paar Narren zu finden, mit denen er zu viel Rum trinken konnte...

Es hatte tatsächlich nur wenige Stunden gedauert, dann hatte er ein paar Junge Männer überzeugt, dass er ein interessanter Gesprächspartner war. Er erzählte vom Krieg, von der Piraterie, von den Schlachten zwischen Schiffen... ja, das war es, was diese Burschen noch erleben wollten. Doch das Pochen hinter Dorns Schläfen nahm immer weiter zu... verstärkte sich. Diese Burschen würden es nicht mehr erleben können. Er würde es schnell machen. Vielleicht nicht Schmerzlos... aber immerhin schnell. Schließlich wartete er schon darauf, den Matrosen noch zu folgen. Schließlich kannte er größere Vergnügungen als nur... Blut vergießen und Göttern zu opfern. Früher... früher war es anders. Früher hatte er kaum Spaß am Blutvergießen. Gut, in der Schlacht, da steigerte er sich hinein... aber Spaß...? Nein. Eigentlich kaum. Götter waren ihm scheiß egal gewesen. Aber die Kammern von Schleim hatten ihn verändert. Und es fühlte sich gut an.

Er schüttelte den Kopf. Er hatte schon zu viel getrunken. Zu viel Rum machte ihn immer so nachdenklich. Schade, dass unter den Burschen keine Frau war... das hätte ihm vielleicht den Weg erspart. Doch so hatte er drei Kerle hier. Schlackerer, ein Schlaksiger Kerl, kam wohl aus Amn. Dorn pflegte keine alten Feindschaften in sein Leben zu pflanzen, aber dennoch hatte er beschlossen, dass der zuerst sterben sollte.

Rotschopf kam irgendwo aus dem Norden. Tiefwasser, vielleicht. Schwertküste, auch möglich. Eigentlich hatte er nicht zugehört. Wen interessiert das auch schon? Kräftig gebaut, etwas älter war er. Eine Narbe im Gesicht. Fühlte sich wie ein Veteran. Der sollte als nächstes dran glauben.

Blondie war zuletzt dran. Dumme Witze. Dumme Visage. Ein Großmaul. Der sollte sehen, wie seine Kameraden sterben. Der sollte sehen, wie sie keine Chancen hatten. Dann würde Dorn ein wenig mit ihm spielen. Nicht zu viel. Es sollte ja schnell gehen. Er hatte ja noch einen Termin. Andere Dinge, nicht so wichtig... aber gut für den Frust.

Die drei hatten viel getrunken, nicht weniger als Dorn. Doch Dorn hatte Dinge getrunken, die schlimmer waren. War einiges gewohnt. Vertrug einfach mehr. Der Zeitpunkt war gekommen. Er erhob sich plötzlich, und nahm den Hammer zur Hand, und Schlackerer wusste gar nicht, wie ihm geschah, als der Dorn des Hammers sich in seinen Brustkorb bohrte. Der erste Tote des Abends. Das Ding in seinem Kopf jauchzte... keine Zeremonie... nicht geeignet als echtes Opfer... nicht geeignet für einen Priester. Aber Dorn war kein Priester... Dorn war nur ein einfacher Diener. Und ein Mörder. Er genoss es, als der gebogene Dorn des Hammers eine Rippe brach, als er ihn heraus zog. Das Geräusch... das Gurgeln des Blutes. Rotschopf erbleichte bei dem Anblick, als Dorn den Tisch beiseite warf, und auf ihn zu kam. Der Wirt würde sich sicher nicht wundern über das Blutbad in dem Zimmer... und wenn doch, würde Dorn sicherlich schon weg sein, wenn er es bemerkte. Nelanther.

"Was ist, Veteran... Angst vor dem Tod...?"

Rotschopf wollte antworten... das war der Fehler. Er hätte die Waffe nehmen sollen. Es knackte laut, als der Schädel einbrach. Ein wunderbares Gefühl. Blondie wich zurück.. Panik in den Augen.

"Tötö.... tötet mich nicht... ich hahaha...habe euch doch nichts getan!"

Dorn grunzte amüsiert, nahm seelenruhig den Schild zur Hand.

"Zeig mir, dass du ein Mann bist... zieh endlich blank!"

Und der Kampf begann... Der Mut der Verzweiflung... ja... es sollte genug sein... Zeit es zu beenden. Er wollte es schnell beenden. Er wollte noch woanders hin. Ins Hurenhaus. Sich beruhigen, nach dem Blutbad.

Dorn holte aus zum Schlag, dem Schlag, der den Burschen zu Boden werfen sollte, um es dann zu beenden. Schnell. Panisch versuchte der Bursche zu parieren, doch die Ungeheure Kraft Dorns fegte das Schwert beiseite, traf auf das Knie den Jungen, und warf ihn zu Boden.

"Nun ist es vorbei, Junge. Ich werde dich nun töten, für meinen Gott. Ich werde..."

Doch er hatte den Mut der Verzweiflung unterschätzt, hatte den Fehler gemacht, den alle Bösewichter tun... er hat begonnen zu erzählen, zu reden... ein Dolch flog auf ihn zu, direkt auf sein Gesicht... er zog den Kopf zur Seite, rasch, und kurz flammte Furcht in ihm auf... sollte es das gewesen sein...? Doch er hatte Glück, und der Dolch wurde von seinem Kieferknochen abgelenkt... Blut floss... es brannte... es schmerzte. Er ließ den Hammer fallen. Der Bursche heulte auf, siegessicher, und stand auf, so gut es ging mit einem zertrümmertem Knie, und wollte Dorn mit seiner Klinge erschlagen, doch Dorns Hand Schoss hervor, umklammerte sein Handgelenk wie ein Schraubstock.

"Das... wirst du mir büßen... "

Und er spürte, wie das Ding das Lauerte ihm die Kraft gab... der Junge schrie, lauter und lauter, als seine Hand sich auflöste... nein, nicht auflöste... sie wurde zu Schleim! Er fiel zu Boden, hielt sich das Armstumpf, aus dem kein Blut floss, schrie und jammerte, während Dorn sich zu ihm hockte, das Schild wegwerfend.

"Ich wollte es schnell machen, ganz schnell... du hättest kaum etwas gespürt, mein Junge... aber jetzt bin ich wirklich wütend."

Der Junge spuckte ihm ins Gesicht, schrie ihn an.

"Verrecke, du Bastard!"

Und Dorn lachte.

"Verrecke, verrecke... das sagen sie alle. Und am ende hilft es ihnen nicht. Sie bleiben davon nicht am Leben, und ich falle davon nicht tot um. Ich bin ein böser Mensch, mein Junge... und ich tue böse Dinge. Es hätte so einfach sein können... aber du musstest den Helden spielen."


Und dann zückte er den Dolch, während das Blut ihm das Kinn herunterlief. Und er ließ sich Zeit mit dem, was er tat. Viel Zeit. Die Huren konnten warten. Ghaunadaur nicht.

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